Atman – Das spirituelle Selbst

Atman

Atma (Ātman, Ātmā), auch Jiva oder Jivatman (Jīva, Jīvātman) genannt, ist ein vieldeutiges Schlüsselwort. Im Kern unverändert bleibt jedoch immer die Bedeutung, dass der Atman einer vollkommen anderen Kategorie angehört, als all das, was aus der Gesamtheit aller sichtbaren und unsichtbaren, sich fortwährend wandelnden messbaren Natur (Maya-Shakti) stammt.
Wird oft mit Geist oder Seele übersetzt.

 


Was ist der Atman

Atman ist ein Lichtfunke aus dem Strahlenmeer, welches unaufhörlich vom spirituellen Körper Gottes ausgeht. Die Gesamtheit dieses Strahlenmeers, das die unendliche spirituelle Sphäre ausfüllt, nennt man Brahmajyoti. Jeder dieser winzigen Lichtfunken ist ein individueller Atman, der im verkörperten Zustand auch Jiva genannt wird. Die Gesamtheit aller Atmans wird auch Tata-stha-Shakti genannt, die am Rande verlaufende Kraft Gottes. Alle Shaktis Gottes sind Brahman, auf unvorstellbare Weise mit dem Parabrahman (Gott) identisch, aber gleichzeitig ewig von ihm verschieden.

Sat (ewiges Sein), Cit (vollkommene Erkenntnis) und Ananda (göttliche Wonne, Glückseligkeit) sind seine natürlichen Eigenschaften. Je nach Aufenthaltsort besitzt er eine zeitweilige Gestalt aus der Kraft der Maya, keine Gestalt als reiner Atman im Lichtmeer des Brahmajyoti oder eine ewige Gestalt aus der spirituellen Kraftin den unendlichen Gottesreichen Vaikunthas.

Atman ist das ewige göttliche Selbst, d. h. die im Körper anwesende göttliche Seele (Jiva), eine ewige Emanation von Gott selbst. Wir, die Atmans, sind daher im wahrsten Sinne des Wortes die Söhne oder Töchter Gottes und noch weit mehr.


Der verkörperte Atman

Wird über das Lebewesen als Atman gesprochen, bezieht sich dies allein auf die ewige und unveränderliche innerste Identität. Es ist dieses innerste unzerstörbare Ich, das von den feinstofflichen Hüllen (Manas: Denken, Fühlen, Wollen; Buddhi: Intelligenz, Verstand; Ahankara: Falsches Ego) und dem grobstofflichen Körper eingekleidet und bedingt wird. Es ist auch der Atman gemeinsam mit dem Paramatman, der diesen Hüllen ein scheinbares Leben verleiht.

„Das Selbst wird nie geboren und es stirbt zu keiner Zeit. Es ist immerwährend, ungeboren, ewig, uralt und wird nicht zerstört, wenn der Körper vernichtet wird.“
(Krishna in der Bhagavad-Gita 2.20)

 


Woher kommt der Atman

Der Veda arbeitet oft mit Analogien, uns bekannten „Bildern“, um sich der ewigen Wirklichkeit anzunähern. Gleichzeitig wird davor gewarnt, diese „Bilder“ als das wirklich Transzendente misszuverstehen. Hier folgt ein solches „Bild“:

Der Veda spricht von drei Hauptkräften Gottes:

  1. Cit-Shakti, die spirituelle Kraft;
  2. Tata-stha-Shakti, die Gesamtheit der Atmans; und
  3. Maya-Shakti, die materielle Energie.

Die Atmans werden die am Rande (machmal auch „in der Mitte“) verlaufende Kraft/Energie genannt, weil sie sich zwischen den anderen zwei grossen Kräften Gottes bewegen.

Im Brahmajyoti geniessen die Atmans – gewissermassen völlig selbstvergessen, wie in einer extrem tiefen Meditation — in einem absolut passiven Zustand — das Glück, welches von der Cit-Shakti ganz natürlich ausströmt. Wenn nun ein Atman, berührt durch dieses Glück (ananda), Aktivität entfaltet, geschieht ganz automatisch eine Art innerer Seelen-Prozess.

Hierzu muss man wissen, dass im Bereich des Lichtmeeres, der göttlichen Ausstrahlung (Brahmajyoti), die Atmans keine persönlichen oder individuellen Merkmale besitzen. Ebenso besitzen sie keinen physischen, feinstofflichen oder spirituellen Körper. Ihre ewige Individualität ist zwar gegeben, aber ihre Fähigkeit, durch Aktivität ihre Erkenntnis oder ihr Glück zu steigern, befindet sich sozusagen in einem deaktivierten oder schlafenden Zustand.
Wenn nun – hervorgerufen durch Impulse (ähnlich einem Weckruf) aus der Cit-Shakti – der Atman quasi erwacht und das bisher statische Glück erweitern möchte, erwacht ebenfalls sein natürliches Wesen, welches Glück aktiv steigern möchte.

Dafür braucht es aber einen geeigneten Ort. Das ist entweder die materielle Energie (Maya-Shakti) mit ihren schier zahllosen Universen oder die spirituelle Energie (Cit-Shakti) mit ihren unendlichen Gottesreichen.

Beim „Erwachen“ können nun zwei grundsätzlich verschiedene innere „Haltungen“ im Atman Ausdruck finden:

Als Teil Gottes, als winzige Emanation von ihm, besitzt der Atman nämlich in kleinem Ausmass Eigenschaften, die Gott selbst in unmessbarem Ausmass besitzt. Eine dieser Eigenschaften ist: Gott ist das natürliche Zentrum aller Dinge und somit auch der natürliche Geniesser und das Zentrum aller Dinge.
Ein anderer Aspekt seiner Persönlichkeit ist sein unendliches Bedürfnis, die Wünsche aller bewussten Wesen (Atmans) zu erfüllen, ihnen allen zu dienen, um sie (entsprechend ihren Wünschen) glücklich zu machen.

Der indirekte Weg
Wenn nun im erwachenden Atman das Bewusstsein „Ich bin Zentrum“ und „Geniesser“ Oberhand gewinnt (eine Eigenschaft, die in Gott den vollkommenen Ausdruck findet), besteht innerhalb der Cit-Shakti (den Gottesreichen), wo sich alle Atmans über das wahre Zentrum ganz natürlich bewusst sind, keine Möglichkeit, diesem Wunsch Ausdruck zu verleihen. Für dieses Bedürfnis des Atman steht jedoch die materielle Energie (Maya-Shakti) zur Verfügung.

Hier wird der Atman in ein falsches Ich-Bewusstsein (Ahankara) gehüllt, das ihn vergessen lässt, wer oder was er ist. Er geniesst nun die zeitweilige Erfahrung, er sei „Zentrum und Geniesser“.

Dieses „Zentrum-sein-wollen“ hat aber noch eine weitere Konsequenz. Kein Atman hat die Berechtigung, seinen Anspruch gegenüber den anderen verkörperten Atmans, die alle von derselben göttlichen Natur sind, gewaltsam durchzusetzen. Daher unterstehen alle Atmans dem Karma-Gesetz, welches im Kreislauf der Wiedergeburten dafür sorgt, dass jede durch  Materie verkörperte Seele mit den Folgen ihres eigenen Tuns konfrontiert wird, um durch Erfahrungen, die sich dem Unterbewusstsein (Citta; Teil des feinstofflichen Körpers) einprägen, zu lernen und sich zu entwickeln.
Die wichtigste Lektion, die es durch das Karma und den Kreislauf von Geburt und Tod zu lernen gilt, ist die Erkenntnis, dass wir uns im Gefühl, wir seien das Zentrum und die Geniesser, geirrt haben. Wer zu dieser Erkenntnis gelangt, beginnt folglich die Suche nach dem wirklichen Zentrum, Gott, den wir bis anhin noch gar nicht persönlich kennen gelernt haben.

Der direkte Weg
Wenn der erwachende Atman vom Impuls oder Wunsch, der Quelle des bereits erfahrenen Glücks zu dienen, erfüllt wird, kommt er unmittelbar und direkt in die spirituelle Welt. Entsprechend seiner Beziehungsneigung erhält der Atman seinen passenden spirituellen Körper und sein am besten geeignete spirituelle Zuhause. Hier geniessen sie die von Liebe dominierte Beziehung zum höchsten Paar (zu Radha-Krishna oder eine ihrer ewigen Erweiterungen) gemeinsam mit ihren Freunden usw.

Laut Veda machen gerade mal rund 25% aller Atmans ihren Weg zu Gott über die materielle Energie, Maya-Shakti.


Ist der Atman so was ähnliches wie ein winziger Avatara?

Nein. Avatara bezieht sich auf das persönliche Herabsteigen Gottes oder seiner Erweiterungen. Jedoch kann Gott jede ihm ergebene Seele (Atman) mit seiner Shakti ausstatten, damit diese verkörperte Seele in seinem Sinne befähigt handeln kann. Eine solche Seele wird technisch als Shakti-avesha-Avatara bezeichnet, da mit ihr bestimmte Kräfte (Shaktis) Gottes in die Welt der Maya „herabsteigen“.
Ein Avatara kommt daher immer aus der Cit-Welt, Vaikuntha. Sie sind frei zu kommen und zu gehen wie es ihnen beliebt.

Doch die Materie-geniessenden Atmans waren noch nie in Vaikuntha, dem Gottesreich der Vielfalt, sie kamen alle aus der Einheit der Tata-stha-Shakti, der am Rande verlaufenden Energie Gottes.

Unsere Vorstellung und Sprache zementiert sehr oft die falsche Identität
Oft hört man die Frage: „Lebt meine Seele nach dem Tode weiter?“ Oder auch die Aussage: „Wir Menschen besitzen eine Seele, Tiere nicht.“

Solche Fragen und Behauptungen sind jedoch nur die sprachliche Ausdrucksform grundlegender Unwissenheit, welche die falsche Identifizierung mit Materie zusätzlich festigt.

Der Veda und alle Weisen sagen uns jedoch: „Nein, wir haben keine Seele (Atman), die nach dem Tode evtl. weiter existiert. Wir sind die Seele!“
Die ewige Seele, bzw. Atman (also wir), ist im Kreislauf von Geburt und Tod lediglich zeitweilig in geistig-materielle und physisch-materielle Körper eingehüllt. Tod hier auf Erden bedeutet daher: Wir (als Atman) sind aufgrund von Alter, Krankheit oder anderen äusseren Einwirkungen dazu gezwungen,  gemeinsam mit dem geistig-materiellen Körper den physischen Körper zu verlassen.

Der physische Körper hat in Wirklichkeit nie gelebt, er wurde von uns (Atman) lediglich belebt, ähnlich wie ein Auto oder Flugzeug dem kindlichen Auge lebendig erscheint, diese jedoch das scheinbare Leben durch den Fahrer oder Piloten erhalten.
Der Atman sitzt im Körper wie der Fahrer im Auto.
Das Gehirn könnte man in dieser Analogie mit einem höchst komplizierten Bordcomputer vergleichen. Viele Dinge sind veränderbar oder umprogrammierbar und vieles läuft völlig automatisch, so dass wir keinen Einfluss nehmen können.
Analog dazu braucht sich der Fahrer keine Gedanken über Airbag, ABS und andere automatisierten Hilfen im jeweiligen Fahrzeug zu machen.

So fungiert das Gehirn als eine Art Relaisstation zwischen dem feinstofflichen und dem physischen Körper. So muss auch niemand bewusst daran denken, das Herz schlagen zu lassen, die Nieren oder Leber arbeiten zu lassen usw., denn die meisten Funktionen des Körpers werden via Gehirn vollautomatisch gesteuert.

Jedoch zu glauben, die Persönlichkeit sei mit den elektro-chemischen Prozessen des Gehirns identisch oder würde durch diese erschaffen, ist dasselbe, wie wenn man glauben würde, ein Auto oder Flugzeug hätte aufgrund des Bordcomputers eine eigene Persönlichkeit entwickelt und wäre zu eigenständigen Willensäusserungen fähig.

Der „kindliche“ Betrachter vermutet also, die individuelle Persönlichkeit sei ein Produkt des Gehirns, da er nicht versteht, was der „Fahrer“ ist und wie sich dieser mit dem Körper verbindet.
Dabei wäre gerade in diesem Fall unsere Sprache sehr hilfreich. Wir sagen nämlich „mein Gehirn“, nicht „ich Gehirn“; „mein Körper“, nicht „ich Körper“, „ich besitze Intelligenz oder Verstand“, nicht „ich bin Intelligenz oder Verstand“, „ich habe bei einem Unfall ein Bein verloren“, usw. Auf jeden Teil des Körpers und sogar auf den Intellekt erheben wir sprachlich einen Besitzanspruch: „Mein Dies, mein Das“.
Die dahinterstehende Persönlichkeit, welche diesen Besitzanspruch auf Körper und Intellekt erhebt, ist der Atman, der sich unter der Macht des falschen Ego (Ahankara) mit seinem „Besitz“ identifiziert und ihn verteidigt.

 


Der Atman in spiritueller Umgebung

Während die Anhänger des Advaita-Vedanta den Atman als identisch mit dem Brahman sehen, frei von allen Attributen, betrachten die Vaishnavas den Atman als ewiges transzendentes Individuum, erfüllt mit tranzendenten (nicht-materiellen) Eigenschaften.
In Vaikuntha, der ewigen spirituellen Welt, erhält und besitzt er eine ewige spirituelle Gestalt, die seiner Sthayi-Bhava (die dem Atman innewohnende spezifische Art der Liebe zu Gott) entspricht.

Jeder der Mitspieler Gottes in seinem Spiel (Lila) hat von Ewigkeit her eine dauerhafte Gestalt seiner Beziehung zu Gott im liebenden Dienen. Der Körper eines solchen Gefährten Krishnas (auch wenn er oder sie an der Lila auf Erden teilnimmt) ist nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus reiner Dienekraft, aus Prema. Auch wenn sie kurzzeitig zusammen mit Gott auf der Erde oder anderswo im Universum erscheinen, müssen sie niemals ihren ewigen spirituellen Körper verlassen. Sie unterliegen auch nie den Gesetzmässigkeiten der Maya, die selbst ebenfalls ein Diener Gottes ist. Sie sind Teil von Gottes Spiel und sie stehen daher immer unter seinem Schutz und seiner Führung.